16 November, 2019, 16:21

Wie gefährlich sind E-Tretroller für Nutzer und die Gesellschaft?

Statistiken bisher allesamt wertlos

Unfälle mit elektrischen Tretrollern füllen seit Wochen die Nachrichtenspalten. Die Steigerung ist gigantisch – sowohl prozentual als auch absolut. Kaum verwunderlich, wenn fehlende Zulassung und mangelnde Verbreitung die Zahl zuvor auf Null festgenagelt hatte.

Glaubwürdige Statistiken kann es nach zwei Monaten kaum geben, zumal bei Knochenbrüchen in Krankenhäusern der Grund nicht statistisch erfasst wird. Zeitungsberichte mit Schätzungen dürften zweifellos stimmen. Auch wenn ihre Substanz kaum über die Feststellung hinausgeht, früher gab es keine Unfälle mit E-Tretrollern, und jetzt sind es viel mehr. Versicherungen beginnen über interne Statistiken nachzudenken, doch auch die gibt es noch nicht. Statistiken aus anderen Ländern haben ihre Tücken.

Autos stehen scheinbar sehr gut da

Im Interview mit einem Unfallforscher bringt die Tageszeitung „taz“ eine Zahl aus den USA ins Spiel. Der zufolge kommen dort auf 250.000 Kilometer 30 verletzte E-Tretrollerfahrer und nur ein Autofahrer.

Nicht erfassen kann diese Statistik, wie viele andere Menschen dieser eine Autofahrer bei seinem Unfall verletzt hat, wie schwer sich der Unfall auf andere Beteiligte auswirkt, welche materiellen und immateriellen Schäden der eine Unfall produziert hat. Hierzulande kosten Verletzte viel Geld in der Entschädigung, Tote aber wenig. Tote brauchen keine Reha und keinen Lohnausfall. Selbst wenn die Versicherer Zahlen an geleisteten Schadenszahlungen vorlegen könnten, schnitte der Kraftverkehr deshalb vielleicht sogar besser ab. Jeder mag sich selbst die Frage beantworten, was für die Gesellschaft besser ist. Von Klimafolgen ist da noch gar nicht geredet.

Rollerunfälle in den Städten im einstelligen Bereich

In München gab es laut der Tageszeitung „Die Welt“ im ersten Monat 40 Mal so viele Fahrradunfälle wie mit E-Tretrollern, 296 zu 7. Unbekannt ist allerdings die Anzahl der im Umlauf befindlichen Fahrräder ebenso wie die der E-Tretroller, geschweige denn, die dazu gerechnete Kilometerleistung. Das macht die Statistik wieder wertlos.

Auch aus anderen deutschen Städten werden Unfallzahlen elektrischer Flitzer nur im einstelligen Bereich gemeldet. In Hamburg registrierte die Polizei im ersten Monat insgesamt vier Verkehrsunfälle von E-Scootern. Dass nicht alle Unfälle der Polizei bekannt würden, betrifft sowohl Roller als auch Radler. Die muskelbetriebenen Zweiräder stehen in der Hansestadt für monatlich 210 Unfälle.

Der Unfallforscher in der taz stellt fest, alle seine (negativen) Voraussagen seien eingetreten. Diese lauteten: Unfälle erwartbar, Probleme durch unsachgemäß abgestellte Roller, Behinderung von Fußgängern. Voraussagen sehr allgemeiner Art. Denn dem gegenüber steht die Beobachtung, dass die von manchen befürchteten massenhaften Unfälle durch den Einzug der E-Tretroller in deutschen Städten bislang ausgeblieben sind.

Bedenklich stimmen andere Anfängerprobleme. In München erwischte die Polizei mehr als 90 betrunkene Fahrer im ersten Monat, in Berlin fünf während den ersten zwei Wochen.

In Hamburg verzeichnete die Polizei insgesamt 15 Regelverstöße bei einer Schwerpunktkontrolle Anfang Juli. Zwei Fahrer waren ohne Versicherungsschutz unterwegs, drei überfuhren rote Ampeln, sieben nutzten verbotenerweise den Gehweg, drei weitere in falscher Richtung den Fahrradweg. Alles unschöne Auswüchse. Genau wie zweite-Reihe-Parken von Autofahrern, Zuparken von Radwegen oder Feuerwehrzufahrten, Balz- und Drohverhalten auf vier Rädern. Delikte, über die selten in der Presse berichtet wird. Und die bei Zweirädern aller Art eher seltener vorkommen; auch mit mutmaßlich geringerer Gefährdungstragweite.

Zahlreiche aktuelle Diskussionen erwecken den Eindruck, berechtigte Nebenbaustellen en Detail zu beleuchten und dabei das Große und Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Wo liegt die Lösung der Verkehrsfrage?

Über allen Diskussionen thront die Frage: Was ist die Alternative? Neue Autos für alle? Zweistöckige Parkplätze? Personenförderbänder wie am Flughafen über die Kö, Kaufingerstraße oder Elbchaussee? Entlastung der Hauptstraßen durch selbststeuernde autonome Flugtaxis? Einpersonen-Transportkapseln auf einem schmalen noch zu errichtenden Schienennetz in 7 Metern Höhe? Vergrößerung von E-Tretrollern auf Fahrradmaß? Ein Tunnelsystem für alle Verkehrsmittel, die dem Autoverkehr hinderlich sind? Jede zukunftsweisende Lösung verdient, ausprobiert zu werden, solange sie preislich im Rahmen und maßvoll in der Beeinträchtigung der anderen bleibt. Die Lösung, E-Tretroller wieder abzuschaffen, ist also keine. Es stellt sich dabei ohnehin die größere Frage: Mit welcher Berechtigung nehmen Autos seit Jahrzehnten kostenlos den öffentlichen Raum ein? Mit welchen Folgen? Warum schimpfen Verkehrspolitiker, wenn neue Verkehrsmittel allein durch ihre Existenz ähnliche Probleme aufwerfen, allerdings in sehr viel überschaubarerem Rahmen? E-Tretroller sind für die Zukunft mutmaßlich mehr Lösung als Problem. Ein Ku‘damm-Rennen von übertesteronisierten Rasern auf E-Fahrrädern oder E-Tretrollern dürfte die Folgen von übermotorisiertem Maserati gegen BMW bei weitem unterschreiten.

Überhaupt nicht erfasst ist das Verhältnis privater E-Tretroller im Vergleich mit den Leihflitzern. Mit Sicherheit stehen sie in der Unfallstatistik ganz weit hinten – was ihrer noch sehr geringen Verbreitung geschuldet ist. Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.