18 September, 2019, 01:06

E-Tretroller sucht seine Nische im Verkehrsmix

Gelassenheit in der Diskussion wäre ein signifikanter Vorteil, ein Kommentar von Pavlo Hanov.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo Neue in den Markt treten, lauern Probleme. E‑Tretrollerfahrer rasen, E‑Tretrollerfahrer sind rücksichtslos, E‑Tretroller liegen im Weg herum und ziehen Vandalismus an. E‑Tretrollerfahrer sind das neue Problem der Gesellschaft, springt derzeit aus jedem Medium, von Zeitung über Rundfunk bis zu Ärztekammern und Regierungsstellen. „Ja, was denn sonst?“ möchte man rufen! Selbstverständlich richtet sich bei Neuerungen solcher Tragweite alle Aufmerksamkeit auf Pannen und Unfälle, die auch bei neuen Verkehrsmitteln nicht ausbleiben. Auf leichtsinnige, betütelte oder rücksichtslose Verkehrsteilnehmer, wie sie auch unter Rollerfahrern vorkommen. Auch E-Tretrollerfahrer repräsentieren ein Schnittbild der Gesellschaft – was denn sonst? Auch zur Vermietung aufgestellte E-Bikes werden von vandalistischen „Spaßvögeln“ zusammengetreten oder über Geländer geworfen. Daran sind weder die E‑Bikes noch E‑Tretroller schuld.

Dabei lenkt die derzeitige Diskussion auf drei zentrale Fragen: 1. Welche Regeln gelten für die anderen Verkehrsmittel? 2. Welche Gefahren gehen von den anderen Verkehrsmitteln aus? 3. Was ist die Alternative zu Mikromobilität?

Zu 1. bleibt festzustellen, dass die bisherigen Akteure wie Fahrrad, Auto oder Motorrad gefühlt immer schon da waren. Sie stammen aus einer Zeit, als Raum noch ein unendliches Gut schien. Für Fahrräder und Motorräder gilt das noch immer, wenn auch Fahrradstädte wie Münster ihren Verkehrsraum mittlerweile selbst für Zweiräder stärker reglementieren. Als Autos immer mehr wurden, galten sie als Symbol des Fortschritts. Auf Kosten von Straßenbahnen wie auch Radlern oder Fußgängern wurde dem motorisierten Individualverkehr immer mehr untergeordnet. Lange Zeit, ohne das Prinzip nur ansatzweise in Frage zu stellen. So sehen die Städte heute auch aus. Jede Einschränkung von Straßenberuhigungen bis Parkraumbewirtschaftung löst eine Revolution aus. Zunächst gehört jeglicher Raum dem Auto und niemandem sonst. Alle anderen sind allenfalls geduldet. Erst in den vergangenen Jahren zeigt sich ein Umdenken in der Frage, wem öffentliche Verkehrsflächen überhaupt gehören. Mit aller Selbstverständlichkeit gehen noch immer zahlreiche Verkehrspolitiker davon aus, dass an Experimenten mit alternativen Verkehrsmitteln alles möglich ist, so lange nur die freie Fahrt für freie Autobürger uneingeschränkt bleibt. Der ADAC lamentiert seit Jahrzehnten über die „Autofahrer als Melkkühe der Nation“. Von Neueinsteigern aller Art wie nicht-elektrische Tretroller, Segways, Skateboards, Hoverboards, E-Tretrollerfahrer wird erwartet, sich hinten anzustellen und um ein bisschen Verkehrsraum zu betteln. Der dann meist verweigert wird, von erfahrenen Verkehrspolitikern oder Verwaltungsrechtlern. Dabei hat kein höheres Recht jemals dem Auto einen privilegierten Platz bei der Nutzung allgemeiner Verkehrsflächen zugewiesen.

Auch bei 2. schneidet das Auto schlecht ab. Betrunkene E-Tretrollerfahrer sind gerade ein hochaktuelles Thema, betrunkene Radfahrer seit über 100 Jahren bekannt. Betrunkene Autofahrer sind in ihrer Fahrgastzelle hervorragend geschützt, doch das Zerstörungspotenzial ihres Fahrzeugs übersteigt das ihrer Straßenraumkonkurrenten um Zehnerpotenzen. Ein Ku‘damm-Wettrennen bei Tempo 160 brauchen Anwohner von E-Tretrollerfahrern eher nicht befürchten. Auch auf Lärmschutzwände aus öffentlichen Geldern können sie verzichten. Verletzte Fußgänger können auch von E-Tretrollerfahrern ausgehen, selbstverständlich, aber auf anderem Niveau. Gefahr ist Gefahr, aber vor diesem Hintergrund lohnt sich ein kurzes Nachdenken, und die Diskussion um ein paar Grad herunterzufahren. Die Kirche im Dorf lassen, wie man in Bayern sagen würde.

Damit zu 3. Ein Ende des Verteilungskampfes um den öffentlichen Straßenraum ist noch nicht absehbar – aber was wäre die Alternative? Jedem ein Auto, damit die den alternativen Verkehrsteilnehmern zugeschriebenen Unfallquellen ausbleiben? Bietet jedem eine sichere Fahrgastzelle und klingt dennoch widersinnig. Ist es auch.

Innovative Ideen liegen auf der Straße. Vorgestern publizierte eine renommierte Zeitung in Berlin den Vorschlag, jeder Magistrale der Großstadt einen Fahrstreifen abzuschneiden, für alles, was nicht Auto ist: Fahrräder, E-Bikes, Pedelecs, E-Tretroller. Klingt noch nicht mal sooo revolutionär und wäre ein großer Sprung für Stadtklima, Weltklima und die städtische Menschheit.