16 November, 2019, 19:30

Freischalten oder gleich losfahren? Mieten oder kaufen? Eine Modellrechnung

Einfach mal sich selbst vom Bahnhof nach Hause kutschieren, einfach mal eine Runde drehen: Städter haben bei E-Tretrollern nur die Qual der Wahl. Von welchem Anbieter steht der nächste in meiner Nähe, freischalten, losfahren. Unbedingt zu empfehlen, zum Ausprobieren, um ein Gefühl für diese praktische Art der Fortbewegung zu gewinnen. Doch wer gerne täglich zur Arbeit fährt, stellt sich die Frage, ob täglich mieten oder selber kaufen die bessere Wahl ist.

Rechnen wir die Sache einmal durch. Als Kalkulationsgrundlage diene der Pendler, der 18 Tage im Monat arbeitet und täglich einem Weg von drei Kilometern zurückzulegen hat, von der S-Bahn bis zu seiner Arbeit. Angenommen, dieser Pendler findet stets einen E-Tretroller der großen Anbieter Tier Mobility oder Lime an seinem Abfahrtsort, kostet sein Verkehrsmittel 1 Euro pro Ausleihe plus 15 Cent je Minute. Am Monatsende summieren sich diese Nutzungsentgelte auf 90 Euro, 1080 Euro im Jahr. Teilt sich die Fahrstrecke auf zwei mal rollern auf, von der Wohnung zur Bahn und von der Bahn zur Arbeit, verteuert sich die Rechnung wegen der doppelten Freischaltgebühr. Wer dann noch in der Freizeit rollert, zahlt noch was drauf. Kauft der selbe Pendler einen Roller selbst, so bekommt er für 500 Euro ein passables Modell, nicht vom Billigsten, es soll ja auch eine Weile zuverlässig funktionieren. Hinzu kommt die Versicherung, für 40 Euro im Jahr. Auch der Ladestrom schlägt mit 6 Euro zu Buche. 546 Euro im Jahr, das sind weniger als 46 Euro im Monat. Das ist knapp über der Hälfte, wenn der Roller nach dem Jahr am Ende wäre und durch eine Neuanschaffung ersetzt werden müsste.

Noch sind Prognosen über die Lebensdauer von E-Tretrollern schwer zu treffen. Doch erfreuen sich EU-Bürger der EU-weiten Gewährleistungsregeln, laut denen jegliches Gerät zwei Jahre lang funktionieren muss. Verschleiß ist da ausgenommen, doch scheinen Wartungs- und Reparaturkosten in Höhe der Anschaffungskosten momentan utopisch. Gemäß dieser Rechnung unterschreiten die Kosten des eigenen E-Tretrollers noch immer bei weitem die spontan mietbare Gelegenheit. Sollte der eigene Renner länger als ein Jahr halten, fängt in der Modellrechnung das Sparen richtig an.

Zudem hält der Mietroller weitere unschöne Überraschungen bereit. Die augenfälligste dürfte sein, dass er selten gerade da steht wo der Pendler ihn gerne hätte. Bestell-Apps per Handy schaffen da Abhilfe, zumindest an der Bahnstation. Manche Anbieter lassen sich die vorreservierte Zeit als Fahrzeit vergüten, was die Sache verteuert. Ob der Roller zum Arbeitsplatz am Stadtrand überhaupt mitgenommen werden darf und sich abends einer dort findet ist ebenso fraglich. Das kann in schöne Spaziergänge auf eigenen Sohlen münden. Als haarsträubend ist bei den geliehenen Rollern das Datenmanagement zu betrachten. Nach dem Freischalten zeichnet der akribisch Start und Endzeiten ebenso auf wie die exakte Fahrstrecke. Abrechnungsgründe dürften dieses Vorgehen unvermeidbar machen, doch lassen sie jedem die Haare zu Berge stehen, der Daten und Privatleben nur sparsam weiterreicht.

Bei einigen vandalenartigen Zeitgenossen hat sich auch Roller kicken, Roller anrotzen oder Ähnliches als Sport verfestigt, davon künden zahlreiche Videos bei Youtube. Auch hier ist der liebevoll und sicher abgestellte eigene E-Tretroller eindeutig im Vorteil.